Eine europäische Karmaforschung
Die Vorstellung, dass ein Mensch mehr als ein Leben hat und dass diese Leben in einem Zusammenhang stehen, wird gewöhnlich im Osten verortet – in Indien, im Buddhismus, in Lehren, die Europa erst im 19. Jahrhundert breiter zur Kenntnis nahm. Diese Seite geht einer anderen Spur nach: Es gibt eine eigene, europäische Auseinandersetzung mit Reinkarnation und Karma. Ihre Anfänge lassen sich bei Lessing, Goethe und Schopenhauer finden, eine ausgearbeitete Gestalt gewinnt sie bei Rudolf Steiner – und sie ist bis heute akademisch erstaunlich wenig beachtet.
Ein Grund dafür liegt wohl in ihrer Methode. Wer Karmaforschung nicht nur als Ideengeschichte betreiben will, kommt um die Frage nach meditativer Vertiefung nicht herum – und damit um einen Erkenntnisweg, der sich den gewohnten Verfahren der Wissenschaft nicht ohne Weiteres fügt. Gerade diese Spannung interessiert mich: Was lässt sich über diese Tradition genau und überprüfbar sagen, und wo beginnt das Feld der Deutung?
Ganz neu ist dieses Vorhaben nicht. Schon einmal habe ich mich in einem Blog regelmässig mit Reinkarnation und Karma auseinandergesetzt; 2012 sind die Beiträge daraus gesammelt als Buch erschienen: Europäische Karmaforschung. Fragmente einer Wissenschaft (Books on Demand, 422 Seiten). Der Untertitel war ernst gemeint – es waren Bruchstücke aus einer fortlaufenden Arbeit, kein abgeschlossenes System. Jetzt nehme ich diese Arbeit wieder auf. In den Jahren seither haben mich eigene Studien zu einem erweiterten Bezugshorizont geführt. Mein methodischer Ausgangsort ist dabei Rudolf Steiner – gerade auch dort, wo er karmische Zusammenhänge nicht erklärt, sondern darstellt: in seinen vier Mysteriendramen, mit denen ich mich als Forscher und Dramaturg seit Jahrzehnten beschäftige (mehr dazu auf mysteriendramen.ch). Von dort aus gehe ich meditative, seinsphilosophische und hermeneutische Wege – im Gespräch mit Martin Heidegger und Hans-Georg Gadamer – und frage mit Peter Sloterdijk auch nach der ästhetischen Seite des Themas. Daneben gibt es neuere empirische Forschungen, allen voran die Fallstudien des Psychiaters Ian Stevenson an der University of Virginia und die Arbeiten, die an ihn anschliessen. Sie nehme ich zur Kenntnis und ordne sie ein; die empirische Arbeit selbst überlasse ich anderen. Diese Seite ist deshalb keine Neuauflage des Buches, sondern die Fortsetzung jenes Blogs in neuer Gestalt.
Hier sammle ich dazu kurze, essayistische Beiträge – zu einzelnen Autoren und Texten, zu Begriffen und ihrer Geschichte und zu methodischen Fragen – auch dazu, was empirische Forschung zeigen kann und was nicht. Quellen werden belegt; wo ich deute oder eine Arbeitshypothese formuliere, sage ich das dazu.