Warum eine europäische Karmaforschung?
Wer heute das Wort „Karma“ hört, denkt meist an Indien. Das Wort stammt aus dem Sanskrit, und die Vorstellung, dass ein Mensch mehr als einmal lebt, verbinden die meisten mit Hinduismus und Buddhismus oder mit einer westlichen Esoterik, die sich aus diesen Quellen bedient. Mich beschäftigt seit langem eine andere Spur: dass es in Europa eine eigene Auseinandersetzung mit Wiederverkörperung und Schicksal gibt, mit eigenen Fragen, eigenen Begriffen und einer eigenen Geschichte.
Wie die Frage zu mir kam
Zu mir kam diese Frage nicht zuerst über Bücher. Mit vierzehn Jahren war ich in Athen und hatte dort eine Erinnerung an ein Lernen von Mathematik im antiken Griechenland. Mit neunzehn erlitt ich einen anaphylaktischen Schock mit Herzstillstand und hatte eine Nahtoderfahrung. Sie hat mir fragmentarisch bestätigt, dass Bewusstsein von der Sinneserfahrung unabhängig sein kann, und sie hat mir eine Ich-Erfahrung im „Seelenraum“ erlaubt.
Ich erzähle das nicht als Beweis. Es sind Erfahrungen, die mich nach einem Zusammenhang haben fragen lassen. Was sie bedeuten, lässt sich nicht einfach glauben; es will reflektiert, unterschieden und mit dem verbunden werden, was andere vor mir gedacht und erfahren haben. Genau darin liegt für mich die Aufgabe einer Karmaforschung.
Ein früherer Anlauf
Ganz neu ist dieses Vorhaben nicht. Schon einmal habe ich mich über längere Zeit in einem Blog regelmässig mit Reinkarnation und Karma beschäftigt. 2007 sind die Beiträge daraus gesammelt als Buch erschienen: Europäische Karmaforschung. Fragmente einer Wissenschaft. Der Untertitel war ernst gemeint. Es waren Bruchstücke aus einer fortlaufenden Arbeit, kein abgeschlossenes System, und ich habe sie bewusst so stehen lassen.
Die These des Buches lässt sich in zwei Sätzen sagen. Es gibt eine europäische Karmaforschung, deren Anfänge sich bei Lessing, Goethe, Schopenhauer und Rudolf Steiner finden. Und sie ist in der akademischen Welt kaum beachtet worden, unter anderem deshalb, weil sie eine Voraussetzung hat, die sich den üblichen Verfahren der Wissenschaft nicht fügt: meditative Vertiefung.
Eine Frage aus dem 18. Jahrhundert
Wie früh diese Spur beginnt, zeigt ein kleiner Text von Gotthold Ephraim Lessing, Die Erziehung des Menschengeschlechts. Über weite Strecken handelt er davon, wie die Menschheit als Ganzes durch die Geschichte hindurch lernt. Gegen Ende aber wendet Lessing den Blick vom Geschlecht auf den einzelnen Menschen und stellt im Paragraphen 94 eine schlichte Frage: Warum sollte nicht jeder Einzelne „mehr als einmal auf dieser Welt vorhanden gewesen sein“? Im nächsten Paragraphen fragt er zurück, ob diese Hypothese etwa deshalb lächerlich sei, weil sie die älteste ist.
Mich berührt an diesen Paragraphen weniger die Antwort als die Form. Lessing verkündet keine Lehre. Er stellt eine Frage, nennt sie eine Hypothese und denkt sie im Zusammenhang mit Lernen und Entwicklung. Darin sehe ich einen Grundzug der europäischen Auseinandersetzung mit dem Thema: Wiederverkörperung nicht als übernommene Überzeugung, sondern als Frage an das eigene Denken.
Deutung: Dass Lessings fragende Form für die europäische Tradition insgesamt typisch ist, ist meine Lesart und keine belegte Gesamtaussage. Ich werde sie an den einzelnen Autoren prüfen.
Eigene Einsicht statt vorgefundener Ordnung
Lessings Frage gehört in das Zeitalter der Aufklärung. Wenige Jahre später, im Dezember 1784, bestimmte Immanuel Kant in der Berlinischen Monatsschrift die Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ und forderte dazu auf, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Damit ist ein Anspruch formuliert, der die europäische Moderne nicht mehr loslässt: Erkenntnis soll auf eigener Einsicht beruhen und nicht allein auf Autorität.
Um 1900 wird dieser Anspruch für viele Menschen zu einer Frage der ganzen Lebensführung. Tradition, die vorgefundene Gesellschaftsordnung und die institutionelle Religion tragen nicht mehr selbstverständlich. Gesucht werden andere Grundlagen, für das Erkennen ebenso wie für die Art, wie man lebt, arbeitet und mit anderen umgeht. Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit von 1894 trägt bezeichnenderweise den Untertitel „Grundzüge einer modernen Weltanschauung“ und fragt nach der Freiheit des Menschen von seinem eigenen Denken her.
In diesem Umfeld gewinnt die Frage nach Wiederverkörperung und Karma eine besondere Gestalt. Sie wird nicht als übernommene Lehre aufgegriffen, sondern als Frage, die der Einzelne an seine eigene Biografie, sein Erkennen und seine Lebensführung richtet. Das ist für mich der Kern dessen, was ich „europäische Karmaforschung“ nenne: der Versuch, Schicksal aus individueller Erkenntnis zu verstehen statt aus Überlieferung.
Warum diese Spur so wenig beachtet ist
Rudolf Steiner hat 1904 in seiner Schrift Theosophie ein ganzes Kapitel der „Wiederverkörperung des Geistes und Schicksal“ gewidmet. Er argumentiert dort zunächst mit Mitteln des Denkens: Der Mensch sei als geistige Individualität nicht aus Vererbung erklärbar, und das, was er tut, wirke als selbstgeschaffenes Schicksal auf ihn zurück. Zugleich sagt Steiner deutlich, dass das Denken auf diesem Weg nur zu einem Umriss gelangt. Die volle Bestätigung erwartet er von einer Erkenntnis, die durch Schulung erst gewonnen werden muss.
Hier liegt, so verstehe ich es, der Grund für die Zurückhaltung der Universitäten. Eine Forschung, die von ihren Teilnehmern eine innere Übung verlangt, passt schlecht zu einem Wissenschaftsverständnis, das Ergebnisse unabhängig von der Person des Forschenden überprüfbar machen will. Das muss kein Einwand gegen diese Forschung sein. Es ist aber eine Spannung, die man offen benennen sollte, statt sie zu überspielen.
Was sich seither verändert hat
Seit dem Buch sind viele Jahre vergangen, und eigene Studien haben meinen Bezugshorizont erweitert. Mein methodischer Ausgangsort ist Rudolf Steiner geblieben, gerade auch dort, wo er karmische Zusammenhänge nicht erklärt, sondern auf der Bühne darstellt: in seinen vier Mysteriendramen, mit denen ich mich als Forscher und langjähriger dramaturgischer Berater seit Jahrzehnten beschäftige (mehr dazu auf mysteriendramen.ch). Von dort aus suche ich das Gespräch mit der Seinsphilosophie Martin Heideggers und der Hermeneutik Hans-Georg Gadamers, und mit Peter Sloterdijk frage ich nach der ästhetischen Seite des Themas.
Daneben gibt es eine empirische Forschung, die es damals in meinem Blickfeld kaum gab: die Fallstudien, die der Psychiater Ian Stevenson an der University of Virginia begonnen hat und die dort nach seinem Ruhestand fortgeführt wurden. Sie prüfen Aussagen von Kindern, die sich an ein früheres Leben zu erinnern scheinen, an Dokumenten und Zeugenaussagen. Ich werde diese Arbeiten hier darstellen und einordnen. Meine eigene Methode sind sie nicht.
Was hier entstehen soll
Diese Seite setzt den früheren Blog in neuer Gestalt fort. Etwa alle zwei Wochen, gelegentlich auch häufiger, erscheint ein Beitrag: zu einzelnen Autoren und Texten, zu Begriffen und ihrer Geschichte, zu methodischen Fragen. Jeder Beitrag nennt seine Quellen. Wo ich deute oder eine Arbeitshypothese formuliere, kennzeichne ich das.
Was ich dabei suche, sind Einsichten in eine „höhere“ Erkenntnis, die dennoch reflektiert bleibt: die sich Rechenschaft darüber gibt, woher sie kommt, was sie zeigen kann und wo ihre Grenzen liegen. Weder blosse Spekulation noch ungeprüfte Schau, sondern ein Erkennen, das sich selbst über die Schulter schauen kann.
Im nächsten Beitrag frage ich, bevor es um einzelne Autoren geht, nach den Voraussetzungen: Welche Arten von Wissen gibt es über Reinkarnation und Karma überhaupt, und auf welchen Ebenen lässt sich so etwas wie Ursache und Wirkung beobachten?
Quellen
- Alexander G. Höhne: Europäische Karmaforschung. Fragmente einer Wissenschaft. Books on Demand, 2007, 420 Seiten (E-Book 2012, 422 Seiten).
- Gotthold Ephraim Lessing: Die Erziehung des Menschengeschlechts (1777/1780), §§ 93–100. Online: German History in Documents and Images.
- Immanuel Kant: „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“, in: Berlinische Monatsschrift, Dezember 1784. Online: Universität Siegen (PDF).
- Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit. Grundzüge einer modernen Weltanschauung (1894, GA 4). Online: Project Gutenberg.
- Rudolf Steiner: Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung (1904, GA 9), Kapitel „Wiederverkörperung des Geistes und Schicksal“.
- Zu Ian Stevenson und der Fortführung seiner Forschung: Psi Encyclopedia, Artikel „Jim B Tucker“.