Wer und wie ist der Mensch, der wiederkommt?
„Das Was bedenke, mehr bedenke Wie?“
Goethe, Faust II, Laboratorium, V. 6992
Die ersten beiden Beiträge haben gefragt, warum es sich lohnt, einer europäischen Spur zu folgen (Warum eine europäische Karmaforschung?), und in welchen Formen Wissen über Reinkarnation und Karma überhaupt vorliegt (Wo sich Ursache und Wirkung zeigen). Dieser Beitrag tritt einen Schritt zurück und fragt nach der Voraussetzung von beidem.
Wer nach Reinkarnation und Karma fragt, fragt meist zuerst, ob es so etwas gibt und wie man es nachweisen könnte. Ich halte eine andere Frage für vorrangig: Wer und wie ist der Mensch, der wiederkommen soll? Ich frage bewusst nicht nur, was der Mensch ist, als wäre er ein Gegenstand mit Eigenschaften, sondern wer es ist, der in einem Leben „ich“ sagt, und wie er da ist: leiblich, seelisch, geistig. Die Richtung gibt der Vers aus Goethes Faust II vor, den ich diesem Beitrag vorangestellt habe; Homunculus spricht ihn im Laboratorium zu Wagner. Was sich wiederverkörpert, hängt davon ab, wie man den Menschen versteht. Ist er nur ein Organismus, dann endet er mit dem Tod. Ist er ein Bündel von Erinnerungen und Gewohnheiten, dann ist schwer zu sagen, was davon weitergehen sollte. Erst wenn klar ist, was den Menschen im Kern ausmacht, lässt sich sinnvoll fragen, ob dieser Kern mehr als ein Leben haben kann. Jede Untersuchung von Reinkarnation und Karma ist deshalb auch eine Untersuchung des Menschenbildes, das sie voraussetzt. Und umgekehrt macht die Frage nach der Wiederkehr dieses Menschenbild oft erst sichtbar.
Was die Naturwissenschaft beantwortet und was nicht
Die naturwissenschaftliche Anthropologie beschreibt den Menschen als Naturwesen: seinen Körperbau, seine Abstammung, sein Gehirn. Die empirische Psychologie beschreibt seine seelischen Funktionen: Wahrnehmen, Erinnern, Lernen, Fühlen. Beides ist unverzichtbar, und nichts von dem, was hier folgt, will es ersetzen. Aber beide Zugänge erklären den Menschen von aussen, als Gegenstand; den Unterschied zwischen Erklären und Verstehen habe ich im Beitrag über Ursache und Wirkung ausgeführt. Wie der Mensch in seinem eigenen Erleben da ist, wer es ist, der wahrnimmt, erinnert und denkt, ist damit noch nicht beantwortet. Meine These ist, dass es für die Frage nach Reinkarnation und Karma einen weiteren Zugang braucht: ein Menschenbild, das auch das Geistige im Menschen ernst nimmt.
Steiners Menschenbild
Rudolf Steiner hat ein solches Menschenbild in seiner Schrift Theosophie (1904) entwickelt. Das erste Kapitel, „Das Wesen des Menschen“, beschreibt den Menschen in drei Schritten: als leibliche, als seelische und als geistige Wesenheit. Erst daraus entfaltet Steiner im folgenden Kapitel, „Wiederverkörperung des Geistes und Schicksal“, den Gedanken wiederholter Erdenleben. Mir scheint diese Reihenfolge aufschlussreich: Die Wiederverkörperung wird nicht behauptet und dann begründet, sondern sie ergibt sich aus einem zuvor entwickelten Bild des Menschen. Fünfzehn Jahre später, in der Allgemeinen Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik (1919), dem Kurs für die Lehrerinnen und Lehrer der ersten Waldorfschule, hat er dieses Bild weiter ausgearbeitet, nun im Blick auf das Kind und seine Entwicklung.
Mensch und Denken, Mensch und Wort
Zwei Beziehungen tragen dieses Menschenbild, und sie sind auch für diese Seite leitend: die zwischen Mensch und Denken und die zwischen Mensch und Wort.
Für das Denken ist die Philosophie der Freiheit (1894) die Grundschrift. Steiner beschreibt dort das Denken als eine Tätigkeit, die „weder subjektiv noch objektiv ist“, und zieht daraus eine erstaunliche Folgerung: „Ich darf niemals sagen, daß mein individuelles Subjekt denkt; dieses lebt vielmehr selbst von des Denkens Gnaden.“ Nicht das Ich bringt das Denken hervor, das Ich lebt aus dem Denken. Trifft das zu, dann wäre das Denken mehr als eine Leistung des Gehirns, die mit ihm vergeht. Ob es zutrifft, ist eine offene Frage.
Für das Wort steht ein kleiner Text, den Steiner 1922 als Eingangsspruch für den Griechisch- und Lateinunterricht an der Freien Waldorfschule schrieb. Darin heisst es: „Wer der Sprache Geist erlebt, / Den beschenkt die Welt / Mit Weisheitskraft“. Sprache ist hier nicht bloss ein Werkzeug der Verständigung, sondern ein Zugang zur Welt. Wie ernst Steiner das meinte, zeigt sich in seiner Arbeit an der Sprachgestaltung, die mich selbst seit dem Studium begleitet und von der ich auf mysteriendramen.ch erzähle.
Gehirn, Ich und Denken: eine offene Frage
Wie Gehirn, Ich und Denken zusammenhängen, ist bis heute offen, in der Hirnforschung ebenso wie in der Philosophie. Verbreitet ist die Annahme, das Denken sei ein Erzeugnis des Gehirns und das Gehirn in seinen Grundzügen genetisch festgelegt. Sie ist aber nicht die einzige Position, und gewichtige Stimmen haben ihr widersprochen.
Der Philosoph Karl R. Popper und der Neurophysiologe John C. Eccles, der 1963 den Nobelpreis für Medizin erhielt, veröffentlichten 1977 gemeinsam The Self and Its Brain, auf Deutsch 1982 als Das Ich und sein Gehirn erschienen. Sie vertreten darin einen Dualismus der Wechselwirkung: Das bewusste Ich ist kein Produkt des Gehirns, sondern empfängt von ihm und wirkt auf es zurück. Eccles schrieb dem selbstbewussten Geist zu, die Tätigkeit bestimmter Hirnregionen auszuwählen, zu deuten und zur Einheit des Erlebens zusammenzufassen. Diese These ist umstritten, und Eccles’ spätere Versuche, die Wechselwirkung physikalisch zu erklären, gelten als spekulativ. Sie zeigt aber, dass die Frage auch unter Hirnforschern nicht entschieden ist.
Die Hirnforschung der letzten Jahrzehnte hat zudem gezeigt, wie sehr Erfahrung das Gehirn formt: Studien an Taxifahrern, an Menschen, die jonglieren lernen, und an Meditierenden fanden messbare Veränderungen in den jeweils beanspruchten Hirnregionen. Grundsätzlich hatte Eric Kandel, Nobelpreisträger des Jahres 2000, schon 1998 formuliert: Lernen verändert, welche Gene in den Nervenzellen aktiv sind, und diese Veränderungen verändern das Muster ihrer Verbindungen. Die Gene legen das Gehirn also nicht einfach fest; ihre Wirkung wird selbst durch Erfahrung gesteuert.
Der Heidelberger Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs beschreibt das Gehirn als „das Organ, das unsere Beziehung zur Welt, zu anderen Menschen und zu uns selbst vermittelt“. Durch seine „hochgradige Plastizität“ werde es „zur Matrize für die Erfahrungen des Menschen“; er nennt es „ein wesentlich sozial und geschichtlich konstituiertes Organ“. Fuchs bleibt dabei in beide Richtungen vorsichtig: „Weder wirkt der Geist auf Hirnprozesse ein, noch bringen Hirnprozesse Geist hervor.“ Geistige und neurobiologische Vorgänge sind für ihn Aspekte eines einheitlichen Geschehens im lebendigen Menschen.
Am weitesten geht der britische Psychiater und Literaturwissenschaftler Iain McGilchrist. In The Master and His Emissary (2009) untersucht er, wie die beiden Hirnhälften der Welt auf je eigene Weise Aufmerksamkeit schenken und wie diese Weisen die Kultur prägen. In The Matter with Things (2021) argumentiert er, dass Bewusstsein und nicht Materie das Grundlegende ist. Das Gehirn erzeugt Bewusstsein für ihn nicht, es gibt ihm Form und Grenzen. McGilchrist vergleicht das mit den Ufern eines Flusses, die seinen Lauf begrenzen und doch wesentlich dazu gehören, dass er überhaupt ein Fluss ist.
Was folgt daraus? Keine dieser Positionen entscheidet die Frage. Die Neuroplastizität zeigt, dass Üben, Lernen und Denken das Gehirn formen; sie zeigt nicht, dass das Denken ohne Gehirn besteht. Popper und Eccles, Fuchs und McGilchrist machen aber deutlich, dass die Annahme, das Gehirn erzeuge den Geist, eine Position unter mehreren ist und keine abschliessend gesicherte Erkenntnis. Ich lese diese Stimmen als Annäherung an Steiners Satz, das individuelle Subjekt lebe „von des Denkens Gnaden“, als Hinweis, nicht als Bestätigung.
Das denkende Wesen
Lässt sich dieser Zusammenhang auch am Wort „Mensch“ selbst ablesen? Hier ist Vorsicht geboten. Sprachwissenschaftlich ist umstritten, ob „Mensch“ und „Mann“ mit der indogermanischen Wurzel *men- „denken“ zusammenhängen. Gesichert ist, dass Sanskrit manas, „Geist, Denken“, auf diese Wurzel zurückgeht. Für die deutschen Wörter bleibt die Verbindung eine Deutung, und ich verwende sie hier nicht als Beweis.
Unabhängig von der Etymologie gelten die besonderen mentalen Fähigkeiten des Homo sapiens als das, was ihn auszeichnet. Schon der Artname, den Carl von Linné 1758 in der zehnten Auflage seines Systema Naturae einführte, bezeichnet lateinisch den „weisen, verständigen“ Menschen. Was diese Fähigkeiten im Innersten sind, sagt der Name aber nicht, und die Naturwissenschaft beantwortet es auch nicht. Hier setzt die Philosophie an.
Andere Zugänge
Zwei philosophische Zugänge sind für mich besonders wichtig. Martin Heidegger hat seine Analyse des Daseins in Sein und Zeit (1927) ausdrücklich gegen Anthropologie, Psychologie und Biologie abgegrenzt. Er will kein Bild vom Menschen entwerfen, sondern fragt nach dem Sinn von Sein; der Mensch interessiert ihn als das Seiende, dem es in seinem Sein um dieses Sein geht. Bezeichnenderweise fragt er dabei nicht nach dem Was, sondern nach dem „Wer“ des Daseins (§ 25). In Was heisst Denken? (1954) unterscheidet er das Denken, um das es ihm geht, vom wissenschaftlichen Vorstellen. Von Steiner trennt ihn dabei Grundsätzliches. Heidegger beschreibt den Menschen als endliches, in die Welt geworfenes Dasein; Steiner spricht von einem geistigen Wesenskern, der sich in wiederholten Erdenleben verkörpert. Gerade diese Spannung macht das Gespräch zwischen beiden aufschlussreich. Ich komme in einem eigenen Beitrag darauf zurück.
Hans-Georg Gadamers Hermeneutik, die ich im Beitrag über Ursache und Wirkung vorgestellt habe, führt in dieselbe Richtung. Sein vielzitierter Satz lautet: „Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache.“ Ich sehe darin, auf ganz anderem Weg, eine Nähe von Denken, Verstehen und Wort, die auch Steiner im Blick hat.
Eine ästhetische Seite des Themas eröffnet Peter Sloterdijk. In Du musst dein Leben ändern (2009) beschreibt er die Techniken, mit denen Menschen sich durch Übung selbst formen. Ob sich Karma als eine solche Übung verstehen lässt, die über das einzelne Leben hinausreicht, verfolge ich in einem eigenen Beitrag.
Die Leitfrage
Steiner spricht in der Kapitelüberschrift der Theosophie nicht von der Wiederverkörperung der Seele oder des Menschen, sondern des Geistes. Das ist genau gewählt. Ist damit das denkende Bewusstsein gemeint, so wie der Mensch es in sich erlebt? Wenn das Ich, wie die Philosophie der Freiheit sagt, „von des Denkens Gnaden“ lebt, dann läge hier eine Antwort darauf, was sich wiederverkörpert. Entscheiden lässt sich diese Frage heute weder naturwissenschaftlich noch philosophisch; sie lässt sich aber genauer stellen. Als Arbeitshypothese formuliert: Was wiederkommt, ist nicht der Körper und nicht das Bündel der Erinnerungen, sondern ein denkendes Bewusstsein, das in jedem Leben neu zu sich kommt. Diese Frage begleitet die Beiträge auf dieser Seite. Wie Steiner selbst sie nicht nur erörtert, sondern auf die Bühne bringt, zeigt der folgende Beitrag, Karma auf der Bühne.
Quellen
- Rudolf Steiner: Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung (1904), GA 9. Kapitel „Das Wesen des Menschen“ und „Wiederverkörperung des Geistes und Schicksal“. Online: BYU (PDF).
- Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit (1894, Neuausgabe 1918), GA 4, Kap. IV „Die Welt als Wahrnehmung“. Online: rsarchive.org.
- Rudolf Steiner: Spruch für den Griechisch- und Lateinunterricht an der Freien Waldorfschule (November 1922), in: Wahrspruchworte, GA 40. Online: rsarchive.org.
- Rudolf Steiner: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik (1919), GA 293.
- Karl R. Popper, John C. Eccles: The Self and Its Brain. An Argument for Interactionism, Berlin u. a.: Springer 1977; deutsch: Das Ich und sein Gehirn, München: Piper 1982. Zusammenfassung der Position: Closer to Truth.
- Iain McGilchrist: The Master and His Emissary. The Divided Brain and the Making of the Western World, New Haven, London: Yale University Press 2009; The Matter with Things. Our Brains, Our Delusions, and the Unmaking of the World, 2 Bde., London: Perspectiva Press 2021, Bd. 1, S. 34 (Bild vom Flussufer, sinngemäss wiedergegeben).
- Eleanor A. Maguire u. a.: Navigation-related structural change in the hippocampi of taxi drivers. In: PNAS 97 (2000), Nr. 8, S. 4398–4403.
- Bogdan Draganski u. a.: Changes in grey matter induced by training. In: Nature 427 (2004), S. 311–312. Online: Nachweis.
- Sara W. Lazar u. a.: Meditation experience is associated with increased cortical thickness. In: NeuroReport 16 (2005), Nr. 17, S. 1893–1897. Online: PDF.
- Eric R. Kandel: A New Intellectual Framework for Psychiatry. In: American Journal of Psychiatry 155 (1998), Nr. 4, S. 457–469, hier S. 460 (Prinzipien 3 bis 5). Online: PDF.
- Thomas Fuchs: Das Gehirn – ein Beziehungsorgan. Vortrag, Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg, 2008. Online: PDF. Ausführlich: Das Gehirn – ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption, Stuttgart: Kohlhammer 2008.
- Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie zweiter Teil (1832), 2. Akt, Laboratorium, V. 6992. Online: Faustedition.
- Carl von Linné: Systema Naturae, 10. Auflage, Stockholm 1758.
- Martin Heidegger: Sein und Zeit (1927), § 10; Was heisst Denken? (1954).
- Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009.
- Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik (1960).