Wo sich Ursache und Wirkung zeigen
Wer über Karma spricht, spricht über Ursache und Wirkung: Was ich tue, kommt in irgendeiner Form auf mich zurück. So einfach der Satz klingt, so unklar ist, wo dieses Zurückkommen stattfinden soll und wie man es bemerken könnte. Zunächst möchte ich deshalb einige Vorfragen ordnen: Was für ein Zusammenhang ist mit dem Wort gemeint? Wie wird er erkannt? Und in welchen Formen liegt Wissen darüber überhaupt vor?
Ein Wort für einen Zusammenhang
Bemerkenswert ist schon das Wort selbst. Karma fasst Ursache und Wirkung in ein einziges Wort zusammen. Damit ist etwas ausgeklammert, was unser gewohntes Denken über Ursachen bestimmt: die zwingende zeitliche Folge, erst die Ursache, dann die Wirkung. Was das Wort zuerst bezeichnet, ist nicht eine Kette von Ereignissen, sondern ein Zusammenhang, in dem Tat und Schicksal zusammengehören, ohne dass man vorab wissen müsste, was zuerst war.
Sinnzusammenhänge entbergen
Damit bewegen wir uns auf der Ebene des Sinns. Martin Heidegger hat im Anschluss an die Phänomenologie Edmund Husserls beschrieben, dass wir nicht erst nachträglich Bedeutungen an eine sinnlose Welt herantragen, sondern immer schon in Sinnzusammenhängen stehen. Diese Zusammenhänge erschliessen sich mit der Wahrnehmung. Oft aber sind sie verborgen. Das alte, heute verrufene Wort „okkult“ kommt vom lateinischen occultus und bedeutet nichts anderes. Sie müssen durch Reflexion und Unterscheidung erst hervorgeholt werden. Heidegger hat Wahrheit in Sein und Zeit von diesem Hervorholen her gedacht, als Unverborgenheit. In seinem späteren Vortrag Die Frage nach der Technik (1953) nennt er den Vorgang Entbergen.
Eine Form dieses Entbergens ist die Kunst des Verstehens, wie sie Hans-Georg Gadamer in Wahrheit und Methode (1960) als philosophische Hermeneutik entfaltet hat. Verstehen ist etwas anderes als naturwissenschaftliches Erklären. Die Unterscheidung ist vor allem mit dem Namen Wilhelm Dilthey verbunden, der 1894 das Erklären der Naturwissenschaften vom Verstehen menschlichen Lebens abgehoben hat. Gadamer hat sich ausdrücklich dagegen gewandt, die Geisteswissenschaften nach dem Vorbild der Naturwissenschaften zu formen. Für die Karmafrage heisst das: Ein Schicksalszusammenhang wird nicht erklärt wie ein physikalischer Vorgang, sondern verstanden wie ein Text, in dem man selbst vorkommt.
Deutung: Die Übertragung von Heideggers Unverborgenheit und Gadamers Verstehen auf die Karmafrage ist meine Lesart. Keiner der beiden hat sich in dieser Weise zu Reinkarnation oder Karma geäussert.
Drei Felder bei Steiner
Wo aber liegt dieser Zusammenhang? Einen klaren Ausgangspunkt gibt Rudolf Steiner in seiner Theosophie von 1904. Er beschreibt den Menschen als Bürger dreier Welten: Durch den Leib gehört er der physischen Welt an, durch die Seele baut er sich eine eigene Innenwelt auf, und durch den Geist öffnet sich ihm eine Welt, die über beide hinausreicht. Im Kapitel über Wiederverkörperung und Schicksal ordnet Steiner jedem Glied eine eigene Gesetzmässigkeit zu: Der Leib folgt der Vererbung, die Seele dem selbstgeschaffenen Schicksal, das er Karma nennt, der Geist der Wiederverkörperung.
| Feld | Was dort wirkt (nach Steiner) | Wie es zugänglich wird (meine Zuordnung) |
|---|---|---|
| Leib | Vererbung | Sinne und Naturwissenschaft: Erklären |
| Seele | selbstgeschaffenes Schicksal, Karma | Rückblick auf die eigene Biografie: Verstehen |
| Geist | Wiederverkörperung | nach Steiner erst durch höhere Erkenntnis |
Die beiden ersten Spalten folgen Steiners Kapitel; die dritte Spalte ist meine Zuordnung und als Arbeitshypothese gemeint.
Stufen des Erkennens
Für den Weg in dieses dritte Feld hat Steiner Stufen des Erkennens beschrieben, in Aufsätzen, die 1905 in der Zeitschrift Lucifer-Gnosis erschienen und später als Die Stufen der höheren Erkenntnis (GA 12) gesammelt wurden. Die gewöhnliche Erkenntnis lebt von Sinneseindruck, Bild, Begriff und dem Ich, das alles zusammenhält. In der Imagination fallen die Sinneseindrücke weg, und es bleiben Bilder, die keinem äusseren Gegenstand entstammen. In der Inspiration treten auch die Bilder zurück; die geistige Welt wird eher wie eine Sprache vernommen. In der Intuition bleibt nur das Ich, das nicht mehr von aussen betrachtet, sondern in den Dingen selbst lebt. Das Denken, so Steiner in der Theosophie, kann den Gedanken wiederholter Erdenleben fassen, gelangt aber nur zu einem Umriss; dessen Anschauung setzt die höheren Stufen voraus.
Damit rückt das Denken selbst ins Zentrum: Es ist der Ort, an dem der Gedanke wiederholter Erdenleben zuerst gefasst wird. Ob es auch das ist, was sich wiederverkörpert, ist die Leitfrage, die ich im Beitrag Wer und wie ist der Mensch, der wiederkommt? entwickle.
Viele Formen des Wissens
Nicht alles Wissen liegt in naturwissenschaftlicher Form vor, und vieles kann es gar nicht. Wer über Reinkarnation und Karma nachdenkt, hat es mit sehr verschiedenen Wissensbeständen zu tun, die oft vermischt werden, obwohl sie Verschiedenes leisten:
- Empirisches Wissen: etwa die Fallstudien Ian Stevensons, die Aussagen mit Dokumenten vergleichen. Sie können Übereinstimmungen feststellen, nicht aber einen Sinnzusammenhang verstehen.
- Historisches Wissen: Daten, Quellen, Lebensläufe, auch über die Geschichte des Reinkarnationsgedankens selbst.
- Kulturelles und spontanes Wissen: Legenden, Mythen und Überlieferungen, die Bilder bereithalten, lange bevor jemand sie begrifflich prüft.
- Philosophisches Wissen: die Frage, ob eine Vorstellung in sich stimmig ist, so wie Lessing in der Erziehung des Menschengeschlechts fragt.
- Narratives Wissen: Unsere Lebensführung wird nicht nur von Informationen geprägt, sondern von den Geschichten gesteuert und entwickelt, die wir über uns selbst erzählen.
- Performatives und exploratives Wissen: Wissen, das sich im Vollzug zeigt, auf der Bühne oder im Ritual, und Wissen, das erst in einer Erkundung entsteht.
- Meditatives Wissen: der Weg, den Steiner beschreibt. Er beansprucht, das Feld selbst anschauen zu können, ist aber an die Schulung desjenigen gebunden, der erkennt.
Arbeitshypothese: Diese Gliederung ist mein Vorschlag zur Ordnung des Feldes und findet sich so bei keinem der genannten Autoren.
Wann die Lehre Bedeutung hat
Aus alldem ziehe ich eine Folgerung, die für diese Seite massgeblich ist. Die Lehre von Reinkarnation und Karma ist nicht schon deshalb bedeutsam, weil sie alt ist oder weil viele Menschen sie vertreten. Bedeutung gewinnt sie nur dort, wo sie Erfahrung informiert oder differenziert, wo sie hilft, das eigene Leben genauer wahrzunehmen, und wo sie zu einer Erweiterung oder Vertiefung des Horizonts beitragen kann. Das Wort Horizont nehme ich dabei bewusst aus Gadamers Hermeneutik auf.
Auch die Art von Erkenntnis, die ich hier suche, ist damit umrissen. Sie darf „höher“ sein als das gewöhnliche Erkennen, im Sinne der Stufen, die Steiner beschreibt. Sie muss aber reflektiert bleiben: Sie soll angeben können, in welchem Feld und aus welchem Wissensbestand eine Aussage stammt, und sie soll den Unterschied zwischen Anschauung, Deutung und Begriff nicht verwischen.
Eine besondere Form des performativen Wissens ist das Theater. Wie Steiner karmische Zusammenhänge nicht nur beschrieben, sondern auf die Bühne gebracht hat, ist das Thema des nächsten Beitrags: Karma in den Mysteriendramen.
Quellen
- Rudolf Steiner: Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung (1904, GA 9), Kapitel „Das Wesen des Menschen“ und „Wiederverkörperung des Geistes und Schicksal“. Englische Übersetzung online: Rudolf Steiner Archive.
- Rudolf Steiner: Die Stufen der höheren Erkenntnis (GA 12), zuerst 1905 in Lucifer-Gnosis. Englische Übersetzung online: Rudolf Steiner Archive.
- Martin Heidegger: Sein und Zeit (1927), bes. § 44 zur Wahrheit als Unverborgenheit. Überblick: Cambridge University Press, Kapitel „Truth“.
- Martin Heidegger: Die Frage nach der Technik (Vortrag 1953). Überblick: „The Question Concerning Technology“.
- Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik (1960). Überblick: Wikipedia, „Truth and Method“.
- Wilhelm Dilthey: Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie (1894). Zur Unterscheidung von Erklären und Verstehen: Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Wilhelm Dilthey“.
- Gotthold Ephraim Lessing: Die Erziehung des Menschengeschlechts (1777/1780), §§ 93–100. Online: German History in Documents and Images.
- Zu Ian Stevenson: Psi Encyclopedia, Artikel „Jim B Tucker“.